Immer neue Denkanstöße
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Warum ausgerechnet Salzburg?

Ich werde oft gefragt, wieso ich in Salzburg studiere.

Meist gebe ich als Grund meine Freundin Melanie an, was auch einer der Gründe ist, jedoch nicht der einzige. Denn um Melanie zu sehen, müsste ich ja nicht in der Salzburger Innenstadt wohnen, sondern könnte auch in Freilassing, Oberndorf, Hallein oder Eugendorf leben. Und ich wohnte zunächst ja auch in München, und hätte auch da Politik oder (wie ich erst später erfuhr) Zeitungswissenschaften studieren können.

Wieso also Salzburg?

Nun, das hat viele Gründe. Der Hauptgrund dafür, wieso ich die Stadt Salzburg dem Umland vorgezogen habe, liegt wohl daran, dass irgendwo in mir eine Art "Großstadtgen" schlummerte. Ich bin zwar in der Kleinstadt aufgewachsen, doch so richtig heimisch habe ich mich da nie gefühlt. Was nützen einem Natur und frische Luft vor der Tür, wenn man ewig zu Hause rumsitzt, weil es so wenig im Dorf zu erleben gibt (und anders als mein Bruder bin ich nicht der Typ, der sich in die dörfliche Kultur zwischen Freiwilliger Feuerwehr, Sportverein und Jugendzentrum eingliedern konnte (wofür ich ihn oft bewundete, was er sicher nicht glauben kann)).

Nun ja, woher kommt dieses Gen, wenn doch in meiner Familie (sieht man von meinem Onkel väterlicherseits ab, der in Berlin wohnt) seit Generationen nur Vor- und Kleinstädter gelebt haben? Nun ja, ein wenig schiebe ich es auf meinen Geburtsort. Anders als andere in Uetersen und Tornesch bin ich ja in Hamburg geboren worden. Allerdings kann das auch nicht die ganze Wahrheit sein, denn meine Geschwister wurden auch dort geboren, sind aber doch eher "Kleinstädter". Dieses Gen kann wenn also nicht alleine durch den Geburtsort bestimmt sein. Es braucht also noch weitere Eigenschaften, um eine Großstadt als Wohnort zu mögen.

Eine dieser Eigenschaften könnte der innerliche Wunsch sein, Dinge, die man gerne machen möchte, sofort machen zu können, sprich eine gewisse Ungeduld. Denn was viele Großstädter gar nicht mehr bemerken ist, dass sie doch gegenüber dem Umland viele Vorteile besitzen: Es gibt immer ein nahes Angebot an Supermärkten, Cafes, Kneipen, Sehenswürdigkeiten, oder auch einfach nur anderen Menschen, sprich sozialen Kontakten.

Für mich persönlich ist dabei die Möglichkeit, etwas schnell erreichen zu können, besonders wichtig. Viele Uetersener empfinden, dass sie sehr "nahe" an Hamburg wohnen, für mich war Hamburg dagegen immer weit weg. Tornesch liegt außerhalb des S-Bahn-Netzes, sprich von der Großstadt aus gesehen im "Outback". Obwohl es nur ca. 20 Kilometer sind. Und auch die beiden Mittelzentren Elmshorn und Pinneberg ersetzen nicht die Abstinenz einer S-Bahn-Station.




In dieser Sache liege ich auch konträr zu der Meinung der Tornescher Kommunalregierung, dass ein RE-Anschluss für Tornesch besser wäre als ein S-Bahn-Anschluss. Ein RE-Anschluss lässt die Stadt weiter aussterben, ebenso wie die Autobahn, die Menschen kommen zwar schnell nach Hamburg, doch da der Takt nur höchstens 20 Minuten bedeuten kann, bleibt die Stadt eigentlich abgeschnitten. Ein S-Bahn-Anschluss dagegen bringt, da er meist einen 10 Minutentakt bringt, die Stadt zwar an Hamburg heran, doch in einer ganz anderen Beziehung: Es wird einfacher, "mal auf einen Sprung" nach Hamburg zu fahren, statt dass es "ein Tagesausflug" ist. Allein das Gefühl, NICHT auf die Uhr schauen zu müssen, um einen Zug zu erreichen und nicht 30 oder 50 Minuten warten zu müssen, bringt eine Gemeinde gefühlsmäßig näher an die angrenzende Großstadt. Und macht sie somit attraktiver für Menschen, die nicht unterscheiden wollen zwischen Wohn- und Arbeitsstadt, sondern die in beiden Städten wohnen und arbeiten können.

Das konnte ich besonders in München erleben: Die dortigen Außengemeinden sind durch den weiträumigen S-Bahn-Anschluss viel mehr mit München verbunden. Die dortigen Bewohner von Städten wie Starnberg, Geltendorf, Erding oder Grafing wissen: Egal ob sie morgens zur Arbeit, mittags zum Einkaufen, abends in die Oper wollen, mit der S-Bahn sind sie schnell da und am späten Abend auch wieder unkompliziert zurück. Sie kommen von der Innenstadt direkt nach Hause. Die Fahrt nach München ist für sie also viel normaler als es die Fahrt nach Hamburg für viele Tornescher ist. Und merkwürdigerweise lässt das die Vorstädte nicht aussterben, sondern attraktiver werden.

Man könnte es auch so beschreiben: Mit einer RB oder einer Autobahn fühlt man sich als Vorstädter wie ein Besucher der Großstadt. Egal ob man in Hamburg arbeitet, Freizeit verbringt oder anderes macht, immer ist es nur eine Art Besuch, dessen Anreise und auch Abreise genau geplant werden muss.

Mit einer S-Bahn dagegen fühlt man sich wie ein Bestandteil der Stadt. Man gehört quasi mit zum großen Netzwerk Großstadt, dessen Ausmaße und Zugehörigkeit eben gerade durch das S-Bahn-Netz bestimmt wird, weil man nicht lange die Anreise planen muss, sondern einfach in die Bahn einsteigen und in der Innenstadt aussteigen kann.

Nun, ich bin ein wenig vom Thema abgedriftet, doch nur wenig, denn gerade das Vorhandensein eines guten ÖPNV macht für mich eine Stadt aus. Nun, man kann Salzburg da noch nicht als Paradebeispiel bezeichnen, doch die Stadt bessert sich langsam. (Und auch hier hat der S-Bahn-Effekt bereits gewirkt, seitdem die S-Bahn nach Freilassing fährt (und davor die Linie 24), hat die Stadt Freilassing nach einer Flaute in den 90er Jahren wieder Anschluss gefunden an den großen Lebensraum Salzburg.)




Wieso aber Salzburg und nicht z.b. München, Hamburg oder Wien?

Nun, Hamburg ging aus objektiven Gründen nicht, eben weil ich in Hamburg erst jetzt wahrscheinlich ein Studium in meinem Wunschstudiengang hätte beginnen können, NC und Studiengebühren sei dank. Dass so in Hamburg zu wenig Experten für die Region ausgebildet werden, auch da viele von Süddeutschland abgeworben werden, wird in Zukunft wahrscheinlich eine problematische Situation ergeben, derzeit wird diese noch zugedeckt durch Steigerungen im Export, die natürlich der Hafenstadt zugute kommen.

Berlin schied also ebenfalls aus, auch weil es zu weit weg von Salzburg liegt. Ist aber dennoch eine interessante Stadt, und langsam lernt sie hoffentlich aus ihren Fehlern der Vergangenheit.

Wien wäre nichts für mich gewesen. Ohne dass ich jetzt eingeschworene Wiener vergrätzen möchte, aber meinem Gefühl nach lebt diese Stadt irgendwie von der Substanz und Vergangenheit. Sicher, die großen Zeitungen, die Politik, einige NGOs sind in Wien ansässig, doch die großen Zeiten dieser Stadt sind leider bereits vorbei. Sie war eine Weltstadt in der KuK-Zeit. Danach wurde sie zu einem Provinznest, dass nur noch von Sissi, Heurigen und halt eben den ansässigen Medien gefeiert wird. Das sieht man auch irgendwie an der U-Bahn: Wien ist eine der wenigen Städte, die ich kenne, die echt eine U-Bahn betreibt, die eigentlich schon zum Bauzeitpunkt (70er Jahre) veraltet war, sei es die meist spärliche Dekoration der Stationen, die altertümlichen Wagen (schaut euch mal die Münchener oder Hamburger Ubahn an, mit was für Fahrzeugen die fahren, und vergleicht das mal mit den Klapperkisten in Wien, die merkwürdigerweise aber jünger sind als die DT3 in Hamburg. Altertümlichere Designs benutzt sonst man sonst nur im ÖPNV-resistenten Amerika, z.b. in New York.)

Dass die Stadt sich dennoch als Weltstadt ansieht, wegen UNO-City und so, ist echt Etikettenschwindel, wie kann etwas Weltstadt sein, dass weder bedeutend in der Politik ist noch einen Hafen besitzt?

München wäre ein Ort zum Wohnen. Ok, gäbe es die ganzen Yuppies nicht. Echt wahr, das Hauptproblem an München sind die ganzen Superreichen, die sich einbilden, sie wären etwas besseres, nur weil sie in München wohnen. Und diese Einbildung setzt sich durch die ganze Stadt fort, sogar die Hartz-IV-ler von Am Hart und Neugiesing sehen sich als was besseres als die Hartz-IV-Empfänger in anderen Regionen an. Und auch die Vorstädter sind da nicht besser. (Was aber auch kein Wunder ist: Ein Geltendorfer ist doch meist eigentlich ein Münchener, der nur wegen billigerer Grundstücke oder Mieten in Geltendorf wohnt, aber halt geprägt durch München.)

Dennoch: Von den Großstädten rund um Salzburg wäre wenn München wohl der attraktivste Wohnort, gerade weil diese Stadt versucht, aus ihrem "Kleinstadt"-Flair der letzten Jahrzehnte herauszukommen. In München fühlt man sich wie in einer modernen Großstadt.




Also Salzburg. Von den Kompromissen, die man eingehen kann, ist die Stadt doch sehr gut: Schönes Wohnen in guter Kulisse (die Berge rund herum), alles in der Nähe, und obwohl die Stadt recht klein ist (sind ja nur 140.000), so spürt man doch Großstadtflair. Und auch wenn die Leserbriefschreiber (z.b. die Anti-Kiefer-Fraktion und die mit den Festspiel-Dauerkarten) immer versucht, dieser Stadt ein ewig gestriges Flair zu geben, schaffen sie es doch nicht.

Diese Stadt hat irgendwie für alles ein Pro und ein Contra:

Z.B. nerven einen echt diese strohdoofen Touristen, die überallhin ihren Führern nachlaufen, sich das anschauen, worauf dieser zeigt, aber zu blöd sind, um auf einer Brücke die herannahenden Fahrräder zu sehen. Dann gibt es aber auch Besucher dieser Stadt, meist Individualreisende, mit denen man sich gerne unterhält.

Auch nervt einen dieses Doppelspiel vieler Salzburger. Auf der einen Seite wischen sie jedem Touristen, der ihnen 5 Euro gibt, gerne den Arsch ab. Aber wehe, jemand wagt es als Auswärtiger, in Salzburg wohnen zu wohnen. Der wird geschnitten, egal ob Russe, Türke oder gar Deutscher. Geht ja gar nicht, dass Nicht-Salzburger in Salzburg wohnen wollen. Außer sie haben Millionen auf dem Konto.

Ein Doppelspiel spielt die Stadt auch, was ihre Kultur angeht. Jedes Jahr gibt sie an mit Festspielhäusern, ewig gibt es irgendwelche Jubiläen zu feiern, sei es Mozart-Jahr, Bachjahr, 250 Jahre Schillerbesuch, 100 Jahre Karajan. Ein bekannter klassischer Künstler muss nur einmal 2 Tage Kururlaub in Salzburg gemacht haben, schon bildet sich die Stadt was darauf ein. Aber geht es um moderne Kunst, sei es in Musik, Malerei, Architektur oder Bildhauerei, wird verteufelt. Ein Quader wird dafür gerügt, dass er in einem Park steht. Als ob er auffallen würde gegenüber dem großen Quader auf dem Berg oder der neuen Fassade des Festspielhauses. Moderne Musik findet nur im Republic, Jazz-It oder in der ARGE statt. Alternative Kunst wird verheimlicht, Bildhauereien, die nicht dem Kunstempfinden einiger ewig gestriger bestehen, werden mutmaßlich beschädigt. Die Altstadt soll "frei bleiben von neumodischem Schnickschnack" wie Kugeln mit einer Person darauf (die irgendwie sehr nach dem Bürgermeister Heinz Schaden aussieht :D), aber gegen die Verschandelung mit Werbetafeln vor den Geschäften für Mozartkugeln, Milchkaffee oder einen Trödelmarkt mit Souvenirs, den es sicher auch nicht zu Mozarts Zeiten gab, wird nichts gesagt.

Interessant auch, wie man die Namen, die sich die Stadt gegeben hat, umdeuten könnte:
  • Mozartstadt
  • : Bekannterweise ist der Künstler vor dieser Stadt geflohen.
  • Universitätsstadt
  • : Die Studenten sind die letzten, für die die Stadt irgendetwas tut. Das weiss ich aus leidlicher Erfahrung.
  • Kulturstadt
  • : siehe oben.
  • Messestadt
  • : Mit so "herausragenden" Messen wie der jährlichen Bauernschau oder Ferienmesse.

    Und dennoch, hier lebe ich lieber als in Wien, München, Berlin oder Hamburg. Denn von meinem Gefühl hat diese Stadt mehr Zukunft als die eine Stadt (Wien), und auch wenn sie nie so weltmännisch sein wird wie München oder Salzburg, könnte sie doch noch einiges aus sich machen, wenn sie ihr Doppelleben beendet und ihre Potentiale besser nutzt. Dann könnte diese Stadt eine moderne, zukunftsorientierte, und dennoch ihre Geschichte würdigende Lebensstätte werden. Und wenn nicht: München ist nicht fern :P
    21.4.08 02:55
     
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